Wenn der Krieg über den Erdball donnert

© Baltic Raw

Internationales Sommerfestival auf Kampnagel: Nordpuls sieht die Performance „MONUMENT 0. HAUNTED BY WARS (1913-2013)“ von Eszter Salamon.

Text: Katharina Scheuermann

Bei Sonnenschein trotz vereinzelter Regentropfen treffen wir vorab den künstlerischen Leiter des Festivals, András Siebold, im sogenannten „Avant-Garden“. Dieser Garten liegt hinter den Kampnagel-Hallen und bietet Besuchern und Akteuren einen sommerlichen Ort zum Verweilen und zum Austausch. Mit zufriedenem Blick auf eine erste erfolgreiche Festivalwoche schauend, erzählt Siebold von der anstehenden Vorstellung und gibt Hintergrundinformationen zur Konzeption des Internationalen Sommerfestival.

Die Erde dreht sich um den Krieg

Das Stück, das wir an diesem Abend sehen werden, ist keine leichte Kost. Die Choreografin Eszter Salamon verarbeitet darin 100 Jahre außereuropäische Kriegsgeschichte. Sie wollte sich aus den üblichen westlichen Themenkomplexen hinausbewegen und den Fokus auf das legen, was sich außerhalb unseres Sichtfeldes befindet, so erfahren wir von Siebold. Die ausgewählten Kriege, um die es in der Performance geht, fanden zwar alle außerhalb Europas statt, doch ist ihnen gemeinsam, dass die sogenannte „Erste Welt“ immer wirtschaftlich oder politisch involviert war beziehungsweise ist.

Auf künstlerischer Ebene verwendet Salamon Volks- und Stammestänze aus den Kriegsländern und kreiert dadurch eine ganz eigene tänzerische Sprache. Wie man Tänze aus über 50 verschiedenen, quer über den Globus verteilten Ländern erforscht? Per Youtube-Videos und durch ein gutes Netzwerk an internationalen Tänzern konnte Salamon ihre Besonderheiten herausarbeiten. Das multinationale Ensemble an Tänzer und Tänzerinnen brachte außerdem naturgemäß selbst verschiedene Tanzstile und Ausdrucksweisen mit.

Treibend und energisch in reduziertem Umfeld

Und dann geht das zweieinhalbstündige Kriegsepos in der beinahe ausverkauften K3 los. Ab der ersten Minute ist die Energie, Kraft und Dynamik, die von den sechs Tänzern und Tänzerinnen auf der Bühne ausgeht, gewaltig. Das Stück kommt ohne Musik aus, durch die Geräusche der Schritte, lautes Stampfen, Bodypercussion oder dem Gebrauch von Holzstöcken wird der Rhythmus geschaffen, auf und mit dem getanzt wird – meist treibend und energisch.

Die Bühne ist  bis auf wenige Elemente leer, umso eindringlicher wirken die Tafeln mit Jahreszahlen der Kriege, um die es geht. Im Laufe des Stückes werden immer mehr von ihnen auf die Fläche gestellt, am Ende nehmen sie den gesamten Raum ein. Sie erinnern an Gräber. Durch Schattenspiele und eine unaufdringliche, aber intuitiv stark wirkende Lichtshow verändert sich der Raum außerdem kontinuierlich. Reduziert sind ebenfalls die Kostüme. Sie stellen eine Verbindung zwischen europäischer Kultur und fremden Kulturen her. Die enganliegenden Ganzkörperanzüge wurden von der Pariser Designerin Vava Dudu genäht, die bereits für Lady Gaga und Gaultier arbeitete.

© Christine Retzel
© Peter Hannemann

Emotionaler Handlungsverlauf und perfekte Choreographie

Man wird sehr assoziativ durch 100 Jahre Geschichte geführt – verschiedene Emotionen und Stadien der Kriege gliedern den Abend. Der größere Teil zeigt vor allem Kriegslust und Riten, um Kampfgeist zu wecken. Die dynamische Darstellung ist minutiös ausgearbeitet. Jede Bewegung trägt in ihrer Präzision zur plastischen Erzählung der Kriegsgeschichten bei. Drei Monate haben die Proben gedauert, entstanden ist dabei eine perfekte Tanzchoreographie, die die Tänzer an ihre körperlichen Grenzen treibt. Neben der Vielfalt an Tanzstilen beeindruckt das Stück auch durch Szenen, in denen die Performer solo oder im Chor mit auffällig starken Stimmen nichteuropäische Gesänge anstimmen, die bis in die Knochen dringen.

Besonders eindrücklich sind die Szenen, in denen Verzweiflung und Wahn gezeigt werden. In einer von ihnen mimen die sechs Künstler durch ein groteskes Grimassenspiel die menschlichen Abgründe und das Ruhelose der Seelen. All die psychischen Verletzungen scheinen auf einmal auf das Publikum einzuströmen.

Nach den zweieinhalb Stunden bleiben die Zuschauer erschlagen und aufgewühlt zurück. Gerade durch die aktuelle Präsenz vieler Konflikte und Kriege und die Involviertheit des „Westens“ ist die Thematik noch brisanter.
Auf Kampnagel feierte dieses großartige Stück Premiere, nun ist es auf der Ruhrtriennale zu sehen.