Stille Nachbarn

© Deutsche Kinemathek

Nordpuls zu Gast bei einer ganz besonderen Kinovorstellung im Metropolis: Der Stummfilm „Das Blumenwunder“ aus den 1920-er Jahren zeigt das Leben und Sterben der Pflanzen – mit Orchesterbegleitung

Wie ein aberwitziger kleiner grüner Wurm tastet sich die grüne Ranke auf der Kinoleinwand in den leeren Raum hinein, sucht dort und schwingt sich dann vorwärts, bis sie ein Seil erreicht hat, an dem sie sich festhalten kann. Sie windet sich darum, nimmt Anlauf und weiter geht es, immer weiter. Die Pflanze will wachsen. Doch dann kommt ein Moment, in dem sie keinen Anknüpfungspunkt mehr findet. Sie tastet im Leeren umher. Eine Gruppe Musiker vor der Leinwand untermalt ihren Kampf dramatisch.  

Eine ganz besondere Kinovorführung im Metropolis Kino wirft einen Blick auf etwas, das oft übersehen wird, weil man es in unserem Tempo gar nicht verfolgen kann: das Leben der Pflanzen. Das allein ist schon interessant, wirklich faszinierend macht den Film aber die Tatsache, dass es sich um Pflanzen handelt, die vor über 90 Jahren wuchsen. Im Zeitrafferverfahren wurden Sonnenblume, Rose, Kaktus und Weinranke beim Wachsen, Erblühen und Sterben gefilmt. Die stillsten aller Lebewesen werden in der kolorierten 35 mm Filmkopie eines Kinofilms aus den 20-er Jahren nicht nur gezeigt, sie werden gefeiert: Der 72-minütige Film wird von der Norddeutschen Sinfonietta live begleitet. Die Musiker, die sich vor der Leinwand aufgebaut haben, tragen eine perfekt auf den Film eingestimmte Komposition vor. Für die heutige Vorstellung hat der Kieler Komponist Christian Gayed ein extra für den Film geschaffenes Werk von Eduard Künneke aufbereitet.

Orchesterbegleitung zu Stummfilmen war damals etwas ganz Normales, wie die Kunsthistorikerin Dr. Ines Lindner schon vor der Vorführung erklärt. Etwas Besonders sei allerdings gewesen, wenn extra für einzelne Filme Stücke komponiert wurden, wie es bei „Das Blumenwunder“ der Fall gewesen sei.
Überhaupt sei der Film, der 1926 uraufgeführt wurde, zur damaligen Zeit der Renner gewesen. „Die Menschen wurden davon zu Tränen gerührt. Besonders durch die Szene mit der sterbenden Ranke“, erzählt Lindner. Zu den chaotischen Zeiten der Weimarer Republik, immer noch vom ersten Weltkrieg erschüttert, suchte man nach Symbolen für Hoffnung, wie es die Pflanze als Sinnbild für aufstrebendes Leben ist – und war besonders empfindlich, wenn man dieses gefährdet sah.

Wenn ich heute, im Jahr 2014, die Szene verfolge, kann ich die Rührung ein bisschen nachvollziehen, aber weinen muss ich nicht beim Anblick der sterbenden Pflanze. Als aufregend empfinde ich hingegen das Gefühl, eine Zeitreise zu unternehmen. Das Metropolis Kino wird für mich zu einem Kinopalast der alten Schule, in dem etwas gewürdigt wird, auf dem man viel zu unbedacht einfach herumtrampelt. Die Pflanzen als unsere stillen, zarten, friedlichen Nachbarn. Schön! Hoffentlich finde ich irgendwann die Muße, mich in Planten un Blomen auf eine Bank zu setzen und einer Rose beim Wachsen zuzusehen.

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