Nordische Sprachbilder

Thalia und dem Schauspielhaus ist es in Sachen Theater gut aufgestellt und Musikgeschichte wurde hier, zum Beispiel mit den ersten Auftritten der jungen Beatles, auch schon geschrieben.

Nur wie sieht es mit der Literatur aus? Als Literaturstadt sticht Hamburg nicht unbedingt hervor, dennoch gibt es wichtige Schriftsteller, die hier geboren sind. So wie Arno Schmidt, der am 18. Januar 1914 in Hamm das Licht der Welt erblickte und nach kurzen Stationen in der Fremde der norddeutschen Heimat treu blieb und sich 1958 im Heidedorf Bargfeld bei Celle niederließ. Hier schuf er Werke wie „Zettels Traum“.

 So ist es nicht wirklich verwunderlich, dass die Sitzplätze im Festsaal im Altonaer Museum fast alle besetzt sind. Die heutige Nordpuls-Veranstaltung führt zur Finissage der Ausstellung „Arno Schmidt als Landschaftsfotograf“.
Zur Einstimmung auf die Bilder gibt es zunächst das, was Arno Schmidt berühmt gemacht hat: Worte. Mit viel Sorgfalt gewählte, perfekt aufeinander abgestimmte und dennoch niemals behäbig wirkende Worte. Worte, die sich zu leichten Sätzen zusammensetzen.

© Arno Schmidt Stiftung
© Arno Schmidt Stiftung

Die Arno-Schmidt-Kenner Jan Philipp Reemtsma und Joachim Kersten lesen aus dem Funkdialog des Schriftstellers „Klopstock oder Verkenne dich selbst“. Es geht um Kunst und Dichtung, um Modeerscheinungen und das, was darüber steht. Um Zeitloses und Vergängliches.
Die Galeonsfiguren, die die Wände des Raums säumen, lauschen still, ebenso wie die Gäste. Nur ab und zu kichert einer, denn Arno Schmidt ist immer wieder ausgesprochen komisch.
Arno Schmidts Worte empfangen mich auch eineinhalb Stunden später, zwei Stockwerke höher im Museum. In der Ausstellung wurden neben die Bilder Zitate platziert. eines davon lautet:
„Bergländer liebe ich nicht. Nicht den breiigen Dialekt ihrer Bewohner, nicht die zahllos gewölbte Erde, Bodenbarock. Meine Landschaft muss flach sein, flach, meilenweit, verheidet, Wald, Wiese, Nebel, schweigsam.“ (Aus: Aus dem Leben eines Fauns, I/1, S. 307)

Wie sehr Schmidt tatsächlich die nordische Landschaft liebte, sehe ich sofort an den Bildern: Heide, Felder, viel Himmel, wenig Bäume. Daneben findet man aber auch Detailaufnahmen, die von überall her stammen könnten. Ein Baumstammwirrwarr im Wald, dem dennoch eine optische Regelhaftigkeit zu Grunde liegt, Pilze im moosbewachsenen Boden, die die Illusion erzeugen, der Boden starre einen an.Als Fotograf wählte Arno Schmidt ungewöhnliche Perspektiven und brachte somit Geheimnisvolles in scheinbar unspektakuläre, ländliche Kulissen hinein.
Ungewöhnlich und unkonventionell ist auch Schmidts Entscheidung, die Bilder im Quadrat zu präsentieren. "Das Quadrat ermöglichte ihm, mehr Infos unterzubringen. Die Fläche, die er so zur Verfügung hatte, war dann doppelt so groß, wie bei der waagrechten Bildform", erklärt der Kurator der Ausstellung Janos Frecot.
Es ist erstaunlich, wie viel tatsächlich in den auf den ersten Blick so ruhigen Bildern steckt. Wieviel davon wurde vom Fotografenautor bewusst gesucht und konstruiert? Wieviel war schon vorher da? Und was gibt man als Betrachter selbst hinein?

© Arno Schmidt Stiftung
© Arno Schmidt Stiftung

"Die menschenleere Natur war für Arno Schmidt eine Projektionsfläche, eine Bühne und ein Bühnenbild", so Frecot.
Hmm. So ähnlich, wie wenn ein Schriftsteller ein weißes Blatt Papier mit seinen Ideen füllt?
Ich betrachte die ruhigen, tiefgründigen Bilder, lasse den zuvor gehörten Text in mir nachklingen - und verstehe. Das Schreiben und das Fotografieren liegen bei Arno Schmidt tatsächlich ganz nahe beieinander.