Funkensprühende Vielfalt

Nordpuls entdeckt den Künstler Wilhelm Morgner im Ernst Barlach Haus

„Ins unermesslichste Vielleicht“ führte die künstlerische Laufbahn von Wilhelm Morgner laut einer Aussage des Literaten Theodor Däubler. Das klingt schön. Wild, entgrenzt und irgendwie ganz schön nebulös.
Bei einem Besuch im Ernst Barlach Haus, einem kleinen Kunst-Tempel mitten im Jenisch Park, konnte eine Gruppe Nordpuls-Besucher der Bedeutung dieser geheimnisvollen Worte auf den Grund gehen. Bis zum 1. Februar sind dort noch Werke des norddeutschen Künstlers zu sehen, der nur 26 Jahre alt wurde und in dieser Zeit ein beeindruckendes, überraschend vielfältiges und vor Energie sprühendes Oevre schuf.
Die großformatigen Ölbilder packen einen sofort. Es ist nicht möglich, sie gleichgültig zu betrachten. Zu sehr sprühen sie Farben wie Funken und lassen Formen außer Rand und Band tanzen, Stile in einander greifen. Das hat keiner gemalt, der sich festlegen wollte, keiner der ein immer ähnliches Bild zu perfektionieren versucht, sondern einer, der die Welt in alle Richtungen entdecken wollte.

© Thomas Drebusch
© Wilhelm-Morgner-Archiv-Soest

Dabei entdeckt man  Motive, die sich im Stil des französischen Pointillismus aus vielen kleinen sonnengelben, orangeroten und blauen Farbtupfern zusammensetzen, wilde expressionistische Selbstporträts mit dicker Kohle gezeichnet, Himmel à la Vincent Van Gogh, dynamische Farb- und Figurenreihen wie bei den italienischen Futuristen, eine symbolträchtige Kreuzigungsszene und schemenhafte, abstrahierte Figuren, fast vergleichbar mit Keith Haring. Trotz der vielen Anregungen, die sich der junge Maler ganz offensichtlich aus der Kunstgeschichte und von Zeitgenossen holte, sind seine Arbeiten von einer ganz eigenen Bildsprache geprägt.
Dr. Karsten Müller, der Leiter des Ernst Barlach Hauses, führt höchstpersönlich durch die Ausstellung und erzählt dabei interessante Anekdoten rund um das rastlose Ausnahmetalent, das schon zu Lebzeiten die Kunstszene faszinierte und zugleich auch provozierte.
Laut Müller habe Morgner in seinem Heimatstädtchen, dem provinziellen Soest, ganze „Leserbriefkriege“ angezettelt und seiner Mutter, zu der er eine sehr intensive Beziehung gehabt haben soll, habe er das Leben auch nicht gerade einfach gemacht. Ein Mutter-Kind-Porträt erzählt darüber Bände: Ein überaus grimmig blickendes Baby, das erstaunlich altklug wirkt, schaut vom Arm einer Mutter herab. Überhaupt schien er zu Frauen im Allgemeinen ein schwieriges Verhältnis gehabt haben, wie aus seinen Briefen hervorging, die er an seinen Lehrer und Mentor Georg Tappert verfasste und eindrucksvoll illustrierte.
Während er viele Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung durch seine Radikalität und Impulsivität erschreckte, ist seine künstlerische Karriere bereits zu Lebzeiten erstaunlich: Er beteiligte sich an bahnbrechenden Ausstellungen der Neuen Secession in Berlin, des Blauen Reiters in München und des Sonderbundes in Köln. Durch den zweiten Weltkrieg fand sein in alle Richtungen ausufernder Schaffensprozess ein jähes Ende.
Heute gilt Wilhelm Morgner als Hauptfigur des Westfälischen Expressionismus.
Es lohnt sich, einen Ausflug in den Jenisch Park zu machen und im Ernst Barlach Haus einige seiner wichtigsten Werke zu besichtigen.
Zum Beispiel am 18. Januar. Unter dem Motto „Funken bis in die Zirbeldrüse“ liest der Schauspieler Ulrich Bildstein aus Morgners Briefen.