Frischer Nordwind beim Essen

Im Restaurant Olles gab es kulturelle Eindrücke aus Dänemark, Finnland und Hamburg.

Köttbullar werden an diesem Abend im Restaurant Olles in der Großen Brunnenstraße in Altona sehr stilvoll serviert: Als kleiner, von einem appetitlich duftenden Sahnesaucensee umringter Fleischbällchen-Turm, auf dessen Spitze eine Kartoffelfahne prangt. Außerdem gibt es hier noch würzige Elchbratwurst, saftigen Shrimpssalat und Vanille-Eis mit Lakritzsauce. Das Restaurant mit seiner fantasievollen skandinavischen Küche ist der perfekte Veranstaltungsort für den heutigen Abend des Hamburger Kulturvereins Nordpuls. Als Einstimmung auf das Nordwind-Festival und die Nordischen Literaturtage – zweier Kulturfestivals, die in Kürze in Hamburg stattfinden – bekommt man hier heute nämlich einen kleinen Einblick in die Kultur einiger Länder nördlich von Hamburg, und darüber hinaus.

Nordwind-Festival

© Sofie Amalie Klougart

„Ich lebe eigentlich in Tasmanien“, erzählt der Mann mit den kinnlangen, grauen Haaren und blickt sehr ernsthaft, fast streng unter seiner Brille auf die um die gedeckten Tische versammelten Menschen. Er spricht mit einem drolligen dänischen Akzent. „Eigentlich weiß ich gar nicht mehr, wie es ist, in Europa zu leben.“ Auch wenn das nicht stimmt, wäre es unangebracht, Claus Beck-Nielsen, der fürs Nordwind-Festival im Dezember gemeinsam mit Hamburger Schauspielern ein Stück inszeniert, einen Lügner zu nennen. Der in Kopenhagen lebende Regisseur erzählt ganz bewusst auch gelegentlich über die Wirklichkeit hinaus.

Beim Nordwind-Festival zeigt „The Nielsen Movement“ ein Stück Namens „Die Europäischen Medien, ein Schauprozess“. Darin werden sieben Schauspieler zu Stimmen. Als willenlose Medien verkörpern sie die neuen Mächte: China, Google, Rupert Murdoch, einen Terroristen, einen afrikanischen Flüchtling, einen minderjährigen thailändischen Sexarbeiter. Am 5. und 6. Dezember ist das Stück auf Kampnagel zu sehen. Eine kleine Kostprobe mit einem Mitglied des Hamburger Ensembles gibt es schon vorab, an diesem Abend. Cornelia Dörr demonstriert als verwirrte Frau verwirrend, was es heißt, ein „deutscher Körper“ zu sein. Tragisch ist das, wie man schon nach wenigen Minuten sieht, aber auch lustig. Der Humor des dänischen Regisseurs durchdringt alles, ist aber auch sehr subtil. Dementsprechend zurückhaltend reagiert auch das Hamburger Nordpuls-Publikum. Fast ein bisschen schüchtern wird dennoch immer wieder gekichert.

Nordische Literaturtage

Während das Nordwind-Festival Musik, Theater und Kunst miteinander vereint, kommt bei den Nordischen Literaturtagen nur die schreibende Zunft zu Wort. Das Programm mit großen Autoren wie Per Olov Enquist und Jostein Gaarder, das Antje Flemming, Pressesprecherin des Literaturhauses Hamburg vorstellt, macht neugierig.

Vielversprechend ist der Roman „Abteil Nr. 6“ von Rosa Liksom. Die berühmte finnische Autorin hat die Handlung des Buches in die transsibirische Eisenbahn verlegt. Erzählt wird die Geschichte eines grobschlächtigen Russen aus der Perspektive einer jungen Finnin. Als Gerhard Fiedler daraus vorliest, kehrt lauschende Stille im Raum ein.

© NordLit
© NordLit

Kaum ein Besteck klappert, kein Glas klirrt, stattdessen trägt einen die Geschichte viele Kilometer weit weg in eine ganz andere Restaurantsituation, nämlich in die eines fahrenden Zuges: Der Speisewagen ist voll. Per Ellenbogentaktik versuchen die Reisenden, einen Platz zu ergattern. Der Mann bahnt sich dreist den Weg zu einem weiß gedeckten Tisch, an dem ein bärbeißiges Ehepaar gerade seine Mahlzeit beendet. Der Mann hat einen gepflegten Viereckschnurrbart, bei der Frau sprießt der Schnurrbart ungebändigt. Auf jedem Tisch stehen kurzstielige rosa Plastiknelken in Kristallvasen. Der Mann und das Ehepaar nehmen ein seltsames, sprunghaftes Gespräch auf, unter das sie Wörter mischen wie: Petrowka … Schipok … Samoskworetschje … Warwarka … Soljanoi Dwor … Trubanaja … Kusnezki Most.

Die Reise endet an diesem Abend dort, wo sie begonnen hat: in Hamburg. Bald geht sie weiter: Bei den Nordischen Literaturtagen vom 25. bis zum 28. November oder beim Nordwind Festival vom 5. bis zum 13. Dezember.

Das könnte Sie auch interessieren