Flüchtige und unsterbliche Kunst

Ein Konzert im Bucerius Kunstforum führte Nordpuls im Oktober über den Barock bis ins untergegangene Pompeji

In dem Moment, in dem man mit Genuss Musik hört, feiert man auf lustvolle Weise die Vergänglichkeit des Lebens. Das hört sich hochtrabend an, ist aber tatsächlich so. Ein Konzert, an dem Nordpuls Ende Oktober im Bucerius Kunstforum teilnahm, verdeutlichte es eindrucksvoll.
Zur momentanen Ausstellung "Pompeji. Götter, Mythen, Menschen" gab es Musik, die "Vanitas", das Gedenken an die Vergänglichkeit, in unterschiedlichen Aspekten widerspiegelte: Seltene Werke italienischer Komponisten und Kunstlieder, die aus Barockgedichten entstanden sind.

Thematisch passt das sehr gut, denn mit dem Namen „Pompeji“ assoziiert man noch heute nichts anderes als ein jähes Sterben mitten in einer Blütezeit:  Im Herbst 79 nach Christi spaltete sich nach einem Erdbeben die Spitze des erloschen geglaubten Vulkans Vesuv. Es regnete Asche und Steine. Lavaströme begruben eine florierende Stadt unter sich. Die „Casa del Citarista“, die Villa einer steinreichen Familie, war eines der Häuser dort. Trotz Katastrophe sind noch heute interessante Relikte aus der Villa geblieben. Die Fresken, Statuen, Möbel, und Schmuckstücke kann man im Bucerius Kunstforum besichtigen, so angerichtet, dass sie das Leben in der Casa rekonstruieren.

© Archäologisches Nationalmuseum Neapel
© Archäologisches Nationalmuseum Neapel

Faszinierend, dass das heute noch funktioniert und trotzdem: Für immer wird die „Casa del Citarista“ wohl nicht dem Zahn der Zeit trotzen. Alles, was von Menschenhand geschaffen wurde, ist "eitel", bzw flüchtig. Beim Konzert in den oberen Räumen des Kunstforums demonstrierten dies anlässlich  der NDR-Reihe "das neue Werk" ausgerechnet drei Männer, die es in ihrer Kunst gegenwärtig sehr weit gebracht haben:
Steffen Schleiermacher hat als Komponist, Dirigent und Pianist mit weltberühmten Orchestern zusammengearbeitet, wichtige Preise gewonnen und blickt auf ca. 80 CD-Aufnahmen zurück.
Der Bariton Holger Falk stand bereits in der Münchner Staatsoper und im Théâtre des Champs Elysées in Paris auf der Bühne.  
Sebastian Dunkelberg ist vor allem ein Mann des Wortes. Als Schauspieler hat er bereits mit Nicolas Stemann, Sandra Strunz und Judith Wilske zusammengearbeitet. Außerdem kennt man ihn aus diversen Fernsehproduktionen.
Große Karrieren, und dennoch kein Grund, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Wie folgende, von Holger Frank gesungene und von Steffen Schleiermacher vertonte Zeilen betonen:

Du siehst, wohin du gehst, nur Eitelkeit auf Erden,
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Wo ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Das schrieb der Barockdichter Andreas Gryphius vor über 300 Jahren. Diese Worte wirken im Konzertsaal wie eine ernste und unverrückbare Wahrheit, in der auch viel Melancholie mitschwingt. Schließlich wird sie genau in diesem Moment von einer Stimme transportiert, die nur deswegen so klar und kraftvoll klingt, weil ihr Besitzer sie schon sein Leben lang schult, verbessert, perfektioniert. Nicht zuletzt, um anderen Menschen Genuss zu schenken, der aber in dem Moment schon wieder vorbei ist, in dem sie realisieren, dass sie genießen.

© Archäologisches Nationalmuseum Neapel
© Archäologisches Nationalmuseum Neapel

Die Barockgedichte werden in Bezug gesetzt zu Häuserinschriften, Graffiti-Schmierereien, die noch heute vom Leben in Pompeji zeugen. Holger Frank lässt die lateinischen Worte mit einem Megaphon durch den Saal schallen und schafft damit einen spannenden Kontrast zu den Liedern.
 Ebenfalls direkt auf die Katastrophe von Pompeji beziehen sich Schriften von Plinius, dem Jüngeren. Sebastian Dunkelberg liest Briefe, die aus unterschiedlichen Perspektiven von der Katastrophe erzählen, vor und beschwört damit Menschenleben hervor, die schon sehr lange vorbei sind.

Die Kunst ist das Flüchtigste überhaupt und dennoch trotzt sie besonders tapfer der Vergänglichkeit. Das sieht man daran, dass sie Welten wie das vor über tausend Jahren zerstörte Pompeji auferstehen lassen kann, dass unverstandene Werke verstorbener italienischer Komponisten noch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung faszinieren und dass altmodische Barockgedichte bis heute aktuell geblieben sind. Es schadet nichts, sich damit auseinanderzusetzen. Tatsächlich kann man so das Erlebte noch mehr genießen.

„Pompeji, Götter, Mythen, Menschen“: Ausstellung im Bucerius Kunstforum bis zum 11. Januar