Fahrt ins Unbekannte

Ein Probenbesuch des Auswandererstückes "Bye Bye Hamburg" im Thalia in der Gaußstraße.

Die bunt zusammen gewürfelten Menschen, die sich im Foyer im Thalia in der Gaußstraße versammelt haben, könnten auch Passagiere auf einem Schiff sein, deren gemeinsames Ziel sie miteinander verbindet: eine Studentin mit Dreadlocks, Damen mit Kurzhaarfrisuren in allen möglichen Graustufen, ein geheimnisvoller Typ in schwarzem Anzug. Sie alle sind heute zu Gast bei "Nordpuls", einem Hamburger Verein, der bei seinen Veranstaltungen besondere Einblicke in Kultureinrichtungen aller Art gibt. Heute bietet sich ganz exklusiv die Möglichkeit, das Stück „Bye Bye Hamburg“, das der Jungregisseur Christopher Rüping für die neue Spielzeit inszeniert, bereits vor der Erstaufführung zu sehen und ein Gespräch mit der Dramaturgin Anne Rietschel zu führen.

Es geht um Auswanderung, um das Wagnis, das Vertraute zurückzulassen, um in einer fremden Welt ein besseres Leben zu suchen. Eine wichtige Inspirationsquelle für „Bye Bye Hamburg“ war die BallinStadt, das Museum auf der Veddel, das die Geschichte der Auswanderung von 1850 bis 1938 dokumentiert. Die Theatercrew sichtete hier das reichhaltige Material und filterte 20 Schicksale mit "theatralischem" Potential heraus. Diese historisch realen Figuren wurden zu insgesamt sechs fiktionalen Glückssuchern, Abenteurern und tragischen Heldinnen weitergesponnen.

Die Probe beginnt. Auf der Bühne stapeln sich Koffer. Darin finden sich abgerissene und weitergeträumte Lebensgeschichten in Form von Briefen und Tagebüchern. Die Schauspieler holen die Stories aus den Kisten und lesen daraus vor. Da ist der jüdische Schauspieler Paul Markuse, der 1940 emigriert; oder die Freundinnen Marie, Wilhelmine und Louisa, die 1904 ihren eintönigen Jobs als Dienstmädchen entfliehen wollen. Alicia Aumüller, Pascal Houdus und ihre Darsteller-Kollegen schlüpfen in die Rollen dieser Menschen, die zu verschiedenen Zeiten von Hamburg aus nach Amerika aufgebrochen sind.

Wie bei einer regulären Vorstellung darf man auch hier keine Getränke mit hinein nehmen, und doch merkt man, dass es sich um eine Probensituation handelt. Zwei Fotografen haben die großen Objektive ihrer Kameras auf die Bühne gerichtet. Das Klicken ihrer Kameras beißt sich mit dem verträumten Monolog von Marie. Denn die Atmosphäre eines Stücks, das wie dieses von leisen Tönen lebt, ist durch äußere Reize leicht zu stören. Dass sie sich gar nicht erst richtig entfalten kann, könnte auch die Erklärung dafür sein, warum eine ältere Dame aus dem "Nordpuls"-Publikum keine Scheu hat, das Geschehen immer wieder zu kommentieren.

Still wird es im Bühnenraum aber, als in einer Szene die Angst vor einer solchen Fahrt ins Ungewisse beschrieben wird. Im abgedunkelten Raum ist das dumpfe Grollen der Schiffsmotoren zu hören. Die Figuren kauern dicht an einander gedrängt an der Wand. Man leidet mit ihnen, verspürt ein flaues Gefühl in der Magengegend... „Alicia!“ ruft es plötzlich aus dem dunklen Bereich im Hintergrund, dann ein Kichern. Eine der Schauspielerinnen hat ihren Einsatz verpasst.

Nach etwa zwei Stunden endet die Reise in die Theaterwelt für die Nordpuls-Besucher dort, wo sie begonnen hat, beim erneuten Gespräch im Foyer. Für Anne Rietschel ist das interessierte, kritische Publikum ein willkommener Spiegel. Und dieses nimmt kein Blatt vor den Mund: „Das letzte Drittel des Stücks fand ich viel zu lang“, beginnt eine hagere, streng blickende Dame die Diskussion. „Gerade das war toll. Sehr stark, sehr emotional“, widerspricht der Herr in der beigefarbenen Hose.

Ruhig stellt sich die Dramaturgin den Fragen und der Kritik ihres Publikums. Wer aufmerksam beobachtet, nimmt in ihrem Auftreten trotzdem die Mischung aus zielgerichteter Anspannung und Nervosität wahr. Das typische Aufbruchsgefühl. Kein Wunder: Zwei Tage später wird „Bye Bye Hamburg“ im Thalia in der Gaußstraße uraufgeführt.

 

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