Die Befreiung der Farbe

Nordpuls-Führung im Bucerius Kunstforum: Piet Mondrians Werk ist vielseitiger als man meint

 

Leuchtende Farben, strenge Linien und Flächen, geometrische Formen – Das verbindet man sofort mit dem niederländischen Maler Piet Mondrian. Durch seine klare Bildsprache wurde er zu einer unverkennbaren Marke.

Eine Ausstellung im Bucerius Kunstforum widmete sich in den vergangenen Monaten anderen, den meisten Leuten eher unbekannten Seite des Künstlers. Kurz vor Abbau hatte Nordpuls die Chance von dem Kunsthistoriker Olaf Pascheit Einblick in die vielseitige Entwicklungsgeschichte Piet Mondrians zu bekommen.

 

 

© 2014 MondrianHoltzman Trust
© 2014 Mondrian Holtzman Trust

Gleich der Beginn der Führung sorgt für Überraschung: Landschaftsstudien empfangen die Gruppe, die völlig untypisch für Mondrian wirken: Stimmungsbilder ländlicher Kulissen, Scheunentore, weidende Kühe. Es handelt sich um die esten Bilder des 1872 geborenen Künstlers, die während seiner Zeit an der Haager Schule enstanden sind. Bereits damals neigte er dazu, mit Konventionen zu brechen, wie Pascheit erklärt. Mondrian experimentierte mit der Farbe als Material, trug sie in verschiedenen Techniken gerne pastos auf. Statt des zur damaligen Zeit üblichen Querformates, probierte er sich auch am Hochformat aus. Bereits damals vermied er beim Bildaufbau die Diagonale und lotete stattdessen die Möglichkeiten aus, die senkrechte und waagrechte Linien boten.

In den nächsten Räumen kann man sehr gut nachvollziehen, wie Mondrian die Farbe immer mehr befreite. Konturen lösen sich immer mehr auf, die Bilder werden impressionistischer. Es ist die Atmosphäre, die sie trägt. In der Ausstellung wird in diesem Zusammenhang das Wort „Aura benutzt“. Wie viele seiner Zeitgenossen beschäftigte sich Mondrian damals mit der „Theosophie“, einer mystischen Denkschule um 1900. Durch Natur-Erfahrung wollte man sich mit dem Göttlichen verbinden. Auch gemalte Bilder von Natureindrücken drücken somit Transzedenz aus.

So ist das Licht, die Strahlkraft der Farbe, wichtiger Ausdrucksträger in Mondrians Bildern. In ihrer Lieblichkeit wirken manche Studien beinahe kitschig. Die Sonne geht rötlich unter, eine Wasseroberfläche schimmert und glänzt. Der Künstler arbeitete figürlich, begann aber bereits damals zu abstrahieren. Einen Leuchtturm ließ er nicht nur vor blauem Hintergrund in leuchtendem Rot entflammen, sondern lenkte das Auge des Betrachters auch auf dessen geometrische Form und seine Wirkung.

Als Betrachter merkt man innerhalb der Ausstellung sehr eindrucksvoll wie die Farbe in Kombination mit der Form in Mondrians Bildern immer mehr an Kraft gewinnt. Zwei Stockwerke höher, wo einige der bekannten coolen, puristischen, in ihrer Klarheit sehr kraftvollen abstrakten Gemälde des niederländischen Künstlers zu sehen sind, empfindet man den Gegensatz zwischen Mondrians Bildern dann gar nicht mehr so stark als einen Bruch.
Durch die Ausstellung und auch die Führung mit Olaf Pascheit ist klar geworden: Um Farbe und Form befreien zu können, musste sich Mondrian die Welt, die ihn umgab, erst malerisch aneignen.
Was für einen Maler, der in die Abstraktion will, Grundvorraussetzung ist, zeigt sich am Beispiel Piet Mondrian besonders deutlich.

© Ulrich Perrey