Politisches Murmelspiel

Interview mit Julian Barnett aus den USA zu seiner Choreographie "Blue Marble"

K3 / Tanzplan Hamburg bietet jedes Jahr drei jungen Choreografen durch eine sogenannte „Residenz“ den Raum, sich künstlerisch auszutoben, zu recherchieren, zu forschen und mit ausreichend Zeit an ihrer Choreografie zu arbeiten. Das Programm jährt sich zum siebten Mal. Unter dem Namen „Tanzhochdrei“ präsentieren die Künstler nun ihre innerhalb von acht Monaten entstandenen Werke dem Publikum. Wir trafen den Choreografen und Tänzer Julian Barnett, der das Stück „Blue Marble“ (Blaue Murmel) erarbeitete und am vergangenen Wochenende als Tänzer zusammen mit der Tänzerin Jocelyn Tobias der Öffentlichkeit vorstellte. Ein Stück über die Weiten des Alls, die Evolution des Menschen und die Entwicklung und Verwendung von Sprache.

© Thies Rätzke

Was war die Grundidee der Performance „Blue Marble“?

Julian: Zuerst ging es mir um das Singen. Mit dieser Grundidee bewarb ich mich auch für die Residenz. Es ging darum, wie die Bedeutung eines Wortes sich ändert, wenn ich zum Beispiel besonders laut oder leise singe. Ich war außerdem besessen von der Frage, was es heißt, ein politischer Künstler zu sein und wollte ein politisches Stück machen.

Inwiefern ist Blue Marble ein politisches Stück geworden?

Julian: Ich stellte mir die Frage, wie man ein politischer Künstler sein und wie man KEIN politischer Künstler sein kann. Während der Recherchen realisierte ich erst, dass alle politischen Stücke eine Agenda oder eine Moral haben. Mit „Blue Marble“ wollte ich ein Stück machen, das politisch ist, aber keine Moral hat. Politik führte mich so zur Geographie und zu meinem Interesse an Ländernamen und ihrer Aussprache. Zum Beispiel, dass eine Bezeichnung wie „Laos“ gar nicht mehr wie ein Land klingt, wenn man sie anders ausspricht, sondern wie der Teil eines Liedes. Auf diesen Überlegungen basiert der Mittelteil des Stücks. Erst danach errichtete ich den ersten und dritten Teil wie eine Art Rahmen. Ich beschäftigte mich mit verschiedenen Blickwinkeln auf Länder und kam zu der Perspektive des Astronauten und zum Overview-Effekt. Dieser Effekt sorgt dafür, dass wir all diese Länder als klein, abstrakt und zerbrechlich, von ganz weit weg wahrnehmen.  

Im ersten Teil des Stückes sieht man sehr expressive Bewegungen. Sie erinnerten mich abwechselnd an kindischen Übermut, der Ausdruck manischer Depression, die Reaktionen auf Elektroschocks und die Anmut edler Schwäne. Die Bewegungen schienen direkt aus eurem Inneren herauszugekommen? Ist dies eine präzise Choreographie oder ein improvisierter Part?

Julian: Diese Frage wird uns oft gestellt. Tatsächlich ist der Part sehr stark choreographiert.  Bei uns war nicht alles möglich. Wir haben sehr strikte Grenzen und Parameter, in denen wir uns bewegen, welche vor allem den Raum beinhalten. Wir haben den Kontext, die Situation und die räumliche Relation definiert. Trotzdem sind die einzelnen konkreten Bewegungen nicht genau durchgeplant. Für mich ist Improvisation auch Choreographie. Unsere Inspiration und Themen für die Bewegungen im ersten Teil sind Zirkulationen, Information, Dada und Worte.

© Anja Beutler

Im Mittelteil lauft ihr beide im Kreis und kommuniziert erst mit Handzeichen und dann mit Worten, die zunächst abstrakt sind und dann konkret. Zunächst „Wer, was, wo“, dann „Hamburg, Germany“ und 50 andere Ländernamen. Was bedeutet dies in Beziehung mit dem Overview-Effekt und der „blauen Murmel“?

Julian: Dieser Teil ist ein Spiel mit der Evolution nach meinen eigenen Bedürfnissen. Es beginnt mit nicht-sprachlichen Ausrufen. Ich wollte allerdings nicht die genauen Stationen der Entwicklung der Sprache des Menschen zeigen, sondern schnell zu folgenden Stellen und Fragen spulen: „Wer, was, wo?“ steht stellvertretend für die Fragen, wer wir sind, was wir sind und wo wir sind. Gleichzeitig war es mir wichtig, nicht zu verbergen, dass wir Englisch sprechen, dass wir in Hamburg sind und damit den Zuschauer mit der Realität konfrontieren. Meine Absicht war, dass die vorausgehenden Gesten und Handbewegungen eine Konversation einleiten, aber auch in Verbindung mit dem „Wer, was wo?“ stehen und eine Art Miniatur bilden, in der sich Sprache entwickelt.

© Anja Beutler

In dem Stück begegnen sich langsam zwei Individuen. Leben Menschen im Miteinander oder sind sie unabhängig und jeder schwebt autonom in seinem eigenen Kosmos?

Julian: Ich sehe das sehr optimistisch. Kulturell und persönlich werde ich viel mit Pessimismus konfrontiert. Wir in Amerika erleben einen sehr strengen Kampf zwischen Werten, zwischen rechts und links, aber ich glaube daran, dass wir uns miteinander verbinden können und dass es natürlich ist, einander zu brauchen. Es gab einen Moment am Ende des Stücks, wo wir aneinander lehnen. Da wären wir nicht in der Lage gewesen, ohne den anderen zu stehen.



Was bedeutet das für uns alle?

Julian: Ich zoome aus dieser Szene mal raus: Es geht auch um Sozialismus und Demokratie – Sozialismus ist so ein negatives Wort in unserem Land. Wenn ich jetzt in sozialeren Ländern wie Deutschland oder Kanada arbeite, merke ich, wie das Bedürfnis, sich um den anderen zu kümmern, da ist und das Bewusstsein oder auch nur der Gedanke an andere hilft.

Wie hast du die acht Monate als Residenzchoreograph am K3 in Hamburg erlebt?

Julian: Es war eine fantastische Zeit, die meine Erwartungen übertraf. Bevor es losging, war ich sehr aufgeregt. Es war ja noch offen, wie genau die neue Arbeit hier aussehen würde. Ich bin froh, dass es genau dieses Stück geworden ist. Es fühlt sich gleichzeitig riesig und klein an, was mich sehr überrascht aber auch zufrieden macht. Die konstante Unterstützung von K3 war hervorragend, gerade im Kontrast zu dem Künstlerdasein in New York. Dass einem Künstler, auf diese Weise Zeit, Raum und Geld zur Verfügung gestellt wird, existiert nicht in den Vereinigten Staaten. Und trotzdem musste man hart an seinem Stück arbeiten, es am Ende der Öffentlichkeit zeigen. Natürlich steht man auch unter Druck, aber es ist eine gute Art von Druck. Ich hatte das Gefühl, alles machen zu können, was ich wollte, sofern ich es gut erklären kann.

Das Interview führte Katharina Scheuermann.

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