Ausflug an die See

Nordpuls-Führung durch die Ausstellung „Dänemarks Aufbruch in die Moderne“

Schwere, dunkle Mäntel hängen in der Garderobe in der Galerie der Gegenwart am 12. Dezember. Eine kleine Gruppe kunstinteressierter Nordpuls-Teilnehmer hat sich dort versammelt, um Neela Struck, mit Hörgerät und Klappstühlen gewappnet, in eine wärmere und lichtere Welt im Sockelgeschoss des Gebäudes zu folgen. Die kuratorische Assistentin von Dr. Jenns Howoldt führt heute durch die Ausstellung „Dänemarks Aufbruch in die Moderne“, die noch bis zum 12. Januar zu sehen ist. Dort kann man viele Werke aus der Sammlung Hirschsprung, einer der bedeutendsten Kollektionen dänischer Malerei des 19. Jahrhunderts, im Original sehen.

© Sinje Sabine Hasheider

Bereits im ersten Raum fühlt man sich sofort wohl. Die Bilder sind an Wände gehängt, die in mattem Taubenblau angestrichen wurden. Eine Farbgebung, die ein bisschen an die Ostsee an einem diesigen, aber freundlichen Tag erinnert. Die goldenen Rahmen schimmern edel und weich und die Männer des modernen Durchbruchs, die einem in Porträts entgegenblicken, wirken so nicht allzu ehrfurchtseinflößend. Neela Struck kennt eine interessante Geschichte zu jedem. „Er galt eigentlich als unmalbar“, erzählt sie und deutet auf einen ernst blickenden Mann, um dessen von wirrem grauen Haar umkränzten Charakterkopf sich eine dichte Gedankenwolke aufzutürmen scheint. Der Philosoph, Literaturkritiker und Schriftsteller Georg Brandes vermittelte zwischen skandinavischer und deutscher Literatur. Das Wagnis, ihn trotz seines Rufes zu porträtieren, ging Peder Severin Krøyer ein, dem es auch zu Lebzeiten an Erfolg nicht mangelte. Unter sehr vielen weiteren Bildern steht sein Name. Er gilt, so Struck, als der wichtigste Künstler seiner Zeit, der seinen Zeitgenossen entscheidende Impulse gab. In seiner Malerei setzt er allen voran an die Stelle der schwülstigen Historienmalerei eine beschwingtere, unpathetischere Art der Kunst, die das Leben realistischer einfängt. So hatte er, inspiriert auf einer Italienreise, den Schneid, Schweißperlen auf die Lippen italienischer Dorfhutmacher zu malen, ganz in der Nähe eines Kruzifixes, das auf einem nackten Oberkörper liegt.

Insgesamt ist die Ausstellung eindeutig von Männern dominiert. Eine der Frauen, die die Kunstströmung dennoch entscheidend prägte, sticht dafür besonders deutlich hervor: Anne Ancher war die Frau des Malers Michael Ancher. Sie wurde von diesem stark gefördert, schuf aber vor allem kraft ihrer Persönlichkeit und ihres Talentes eine Reihe interessanter Gemälde, die man in einem extra Raum betrachten kann: Interieurs, die Frauen abbilden, die mit sich allein sind. Sie wirken warm und innig und in ihrer Einsamkeit nicht traurig, sondern sehr intim. Anne Ancher selbst sieht man auch, und zwar schon von Weitem. Neela Struck erklärt, warum das Porträt, das ihr Mann von ihr anfertigte, in mehrerlei Hinsicht den Anstoß der feinen dänischen Gesellschaft ihrer Zeit erregt hatte: Es ist das Gegenteil von Bescheidenheit. Angelehnt an die Historienmalerei ist Anne Ancher darauf überlebensgroß. Hinzu kommt noch ihre Schwangerschaft, die sich deutlich unter dem Kleid abzeichnet. Obwohl sie ein Kind erwartet, steht sie der offenen Tür zugewandt da, ein Hund scheint darauf zu warten, dass sie mit ihm ins Freie tritt.

© Sinje Sabine Hasheider
© Sinje Sabine Hasheider

Anne Ancher ist ganz offensichtlich alles andere als eine brave Hausfrau, die zu Hause hübsche Bildchen malt. Allein, um die Bekanntschaft mit dieser starken Frau in einer männerdominierten Kunstwelt zu machen, hat sich der Besuch der Ausstellung gelohnt.

Im letzten Zimmer findet das Ganze dann noch einen schönen Abschluss: Hier wurde ein Steg aufgebaut, von dem aus man die blau gestrichenen Wände bestens überblicken kann. Man sieht dort noch viele weitere, großzügig gehängte Gemälde, in denen man sich träumend verlieren kann, darunter auch Situationen mit Sonne, Strand und Meer. Nach dem Ende der Führung bleiben einige der Gruppe noch zurück, um hier ein bisschen dänische Leichtigkeit aufzusaugen, bevor es wieder hinaus in den kalten Hamburger Winter geht.

Die Reise endet an diesem Abend dort, wo sie begonnen hat: in Hamburg. Bald geht sie weiter: Bei den Nordischen Literaturtagen vom 25. bis zum 28. November oder beim Nordwind Festival vom 5. bis zum 13. Dezember.

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